Prozessphilosophie

Das akademische Fachgebiet, in dem ich meinen Schwerpunkt gesetzt habe, ist die Prozessmetaphysik. Metaphysik (von gr. metà zu dt. nach, hinter, über und gr. physiká zu dt. etwa Naturlehre oder Naturwissenschaft) ist eine Kerndisziplin der Philosophie und beschäftigt sich mit den grundsätzlichen Vorraussetzungen, den allgemeinsten Strukturen und Prinzipien der Wirklichkeit. Die Prozessmetaphysik oder Prozessphilosophie untersuch die Annahme, dass die Welt aus einem fortlaufenden Prozess besteht und nicht etwa wie laut der Substanzmetaphysik aus einer die Zeit überdauernden, festen Substanz. Diese Grundannahme widerspricht einem Großteil der geistigen Tradition des Abendlandes, in der die Welt bis heute als Ansammlung überwiegend passiver, unbeweglicher Materie gesehen wird, die durch mechanische Kräfte gegeneinander verschoben werden.

Alfred North Whitehead

Der letzte große prozessphilosophische Entwurf der Prozessphilosophie stammt aus der Feder des englischen Logiker, Mathematiker und Philosophen Alfred North Whitehead. Seine Philosophie, die er organismische oder spekulative Philosophie nannte, hat auch meine Arbeit maßgeblich geprägt. Whiteheads Anliegen war es, eine Philosophie zu liefern, die der Gesamtheit der menschlichen Erfahrung Rechnung trägt und nicht nur seiner logisch-rationalen Seite. Der Begriff ’organismische Philosophie’ beschreibt dabei die konzeptionelle Ausrichtung auf ein organismisches Verständnis der Welt und bildet eine Gegenpositionierung gegenüber einem mechanistischen, bzw. reduktionistischen Weltbild, in dem es einen prinzipiell dechiffrierbaren Bauplan der einzelnen Teile der Wirklichkeit gibt. Da sich eine organismische Struktur in stetiger Wechselbeziehung zu seiner Umwelt befindet und situativ wie individuell auf sie reagiert, können Baupläne immer nur eine gemittelte Näherung darstellen, nicht aber das Wesen einer organismischen Welt. Dieser Aspekt verdeutlicht auch, dass Wachstumsprozesse nicht linear und gleichmäßig ablaufen und warum eine Entität (= ein wirkliches Einzelwesen) ein unhintergehbares Ganzes darstellt. Die Bezeichnung ’spekulative Philosophie’ beschreibt hingegen die Methode des philosophischen Erkenntnisgewinns und somit die Vorgehensweise der philosophischen Forschung. Er betont, dass jegliche Form von Theoriebildung über die Welt eine zweite Ebene einführt (unser Bild der Welt ≠ die Welt) und betont, welche problematischen Konsequenzen es hat, diese “Spekulation” über die Welt mit der eigentlichen Wirklichkeit zu verwechseln.

Der für meine Arbeit wesentlichste Aspekt der Prozessphilosophie ist ihr Theorie-Praxis Verständnis. Wenn wir davon ausgehen, dass die Welt ein kreativer, ergebnisoffener Prozess ist, hat es wenig Sinn zurückgezogen im Elfenbeinturm theoretische Konstrukte auf dem Reisbrett zu entwerfen und dann zu erwarten, dass die Wirklichkeit sich gefälligst der Theorie entsprechend verhalten soll. Theorie ist das Ergebnis eines Erkenntnisvorgangs, der weder wichtiger noch unwichtiger ist als die konkrete Erfahrung. Theoretische Erkenntnisse geben uns Orientierung und Klarheit, können uns aber auch entfremden von dem, was ist. Wie oft verlieren wir uns in geistigen Traumwelten, statt uns der Realitäten des Lebens zu stellen? Praktisches Tun und bewusstes Erleben dagegen geben unserem Leben Selbstwirksamkeit und Bedeutsamkeit. Gleichzeitig können wir uns als Wesen mit einem Bewusstsein nicht der Tatsache verschließen, dass wir Entscheidungen treffen müssen, Verantwortung tragen und unsere konkreten Handlungen in einem größeren Kontext verorten wollen. Insofern sind wir darauf angewiesen sowohl zu Handeln, als auch zu Verstehen, was und warum wir handeln. Theorie und Praxis sind zwei Seiten der menschlichen Medaille. Nur eine Seite zu betrachten bedeutet, sich einem wesentlichen Teil des menschlichen Erlebens der Wirklichkeit zu entziehen. Eine Wissenschaft, die keinen Respekt vor dem unerklärlichen Ganzen hat ist ebenso gefährlich, wie eine Praxis, die sich begründet Argumenten und transparent erhobenen Fakten verschließt.

 

Auf dem Weg zu den Gipfeln der Erkenntnis

Theorie und Praxis müssen sich in einem rhythmischen und respektvollen Wechselspiel ablösen, so dass einem immer tieferen Verstehen auch wirklich ein immer bewussteres Tun und Können folgen kann. So entsteht Bedeutung für die Erfahrung und Bedeutsamkeit für die Erkenntnis. Der Wissenschaftler muss sich vor dem Erfahrungsschatz der Praktiker ebenso respektvoll verneigen, wie der Praktiker vor den Einsichten der Wissenschaftler. Letztlich müssen aber beide Seiten zusammen arbeiten, um Bedeutsames und Sinnvolles zu schaffen, denn eine Theorie ohne praktische Anbindung ist bedeutungslos und eine Praxis ohne theoretisches Verständnis ist blind. In diesem Sinne verbinde ich in meinen Seminaren, Workshops und Vorträgen theoretisches Wissen und philosophische Gedankengänge mit praktischen Beispielen aus einem vielfältigen Erfahrungsschatz. Da mein eigener Erfahrungsschatz natürlich begrenzt ist, zeichnen sich alle Formate, in denen ich arbeite – auch meine Vorträge – durch eine besondere Einbindung der Teilnehmer aus. Statt Behauptungen über mir fremde Erfahrungsräume aufzustellen, möchte ich fördern, dass die Ideen und die Erkenntnisse meiner Veranstaltungen direkt mit eigenen Erfahrungen verknüpft werden und somit sofort für die aktive Verwendung kultiviert werden.

In Anlehnung an Whiteheads Bemerkungen in seinem Vorwort zu “Die Ziele von Erziehung und Bildung” könnte man sagen: Meine gesamte Arbeit ist ein Protest gegen totes Wissen, das heißt gegen passive Ideen.